Was haben sie, was wir nicht haben? Die Freiheit der Heiligen

Feiertagsgedanken - SWR 4
Beate Hirt, Mainz, Katholische Kirche
1. November 2008 - Allerheiligen

I

Heilige gibt es richtig viele. Allein der letzte Papst, Johannes Paul II., hat über 480 Menschen „zur Ehre der Altäre erhoben", wie es heißt. So viele Heilige gibt es, dass 365 Tage im Jahr nicht ausreichen, um für alle Gedenktage einzurichten. Deswegen ist schon vor über tausend Jahren das Fest Allerheiligen entstanden. Ein Gedenktag für alle, die keinen eigenen Tag abbekommen. So viele Heilige gibt's - und natürlich sind all diese Heiligen auch ganz unterschiedlich, schon deswegen, weil sie zu ganz verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gelebt haben. Eine Katharina von Siena zum Beispiel ist mit einem Maximilian Kolbe kaum zu vergleichen. Aber was ist das Gemeinsame all dieser Leute, hab ich mich gefragt? Sind Heilige besonders klug? Sind sie besonders fromm? Was macht einen Heiligen eigentlich aus? Was hat ein Heiliger, eine Heilige, was ich nicht hab?

Ich glaube mittlerweile, Heilige sind vor allem eins: Sie sind freie Menschen. Das klingt vermutlich erst mal ein bisschen banal - frei, bin ich das nicht auch, im Großen und Ganzen jedenfalls? Ich bewege mich doch frei, kann frei entscheiden, was ich mache, wähle frei. Und doch: Wenn ich es genauer betrachte, sind da auch ziemlich viele Zwänge. Sachzwänge, Alltagszwänge, Bequemlichkeiten. Unfreiheiten vieler Art. Viele Dinge, die mich dazu bringen, dass ich nicht frank und frei das tue, was ich will oder was ich für richtig halte. Sondern immer wieder auch das, was gerade besser passt. Was vielleicht irgendwie vernünftiger erscheint. Oft genug will ich das mit der großen Freiheit, die ich habe, ja gar nicht so genau wissen. Und entscheide lieber so, dass ich nicht allzu sehr auffalle und anecke.

Heilige sind fast immer aufgefallen. Und selten nur positiv. Das fällt wirklich ins Auge, wenn man Heiligengeschichten liest. Heilige haben sich nicht in Abhängigkeiten und Zwänge ergeben, sondern völlig frei entschieden: Was will ich, was muss ich tun? Zum Beispiel dieser Franz von Assisi: Familienzwänge sind ihm egal. Er wirft dem Vater all sein Erbe vor die Füße - und geht zu den Armen. Ich bin so frei - ich brauche all den Reichtum nicht. Oder die Katharina von Siena: Legt sich, wie so viele Heilige, mit den Mächtigen an. Erhebt ihre Stimme, kritisiert soziale Missstände, auch bei den eigenen Kirchenoberen. Ich bin so frei - und muss euch deshalb leider sagen: So geht das nicht. Die Freiheit, zu protestieren, sich anzulegen mit den Mächtigen, ohne jede Rücksicht auf Gefahren: Die hat manchen Heiligen sogar das Leben gekostet. Maximilian Kolbe zum Beispiel hat Juden und polnischen Flüchtlinge vor den Nazis versteckt. Er kam ins KZ - und starb dort für einen anderen Häftling. Ich bin so frei - ich kann auch mein Leben geben. Das ist wohl die höchste Freiheit, die es gibt. „Freiheit": Das war auch das letzte Wort, das Sophie Scholl hinterlassen hat, bevor sie zum Schafott ging. Wie geht das nur - solch eine Freiheit zu haben, so frei zu leben? Wie bekommt man das hin - so unabhängig zu sein von allen Zwängen, aller Angst um die Folgen? Was hat es auf sich mit dieser Freiheit der Heiligen?

II

Freiheit - das ist für mich etwas, was all die vielen Heiligen gemeinsam haben, die heute an Allerheiligen und im ganzen Kirchenjahr gefeiert werden. Mit einer unglaublichen Freiheit und Unabhängigkeit haben Franz von Assisi, Katharina von Siena oder Maximilian Kolbe ihr Leben geführt - und immer wieder auch viel riskiert. Diese große Freiheit: Natürlich hat sie bei diesen Leuten etwas mit Gott zu tun. Wer sich an Gott hält, der kann, so scheint's, nicht nur darauf hoffen, in den Himmel zu kommen (oder vielleicht ein Heiliger zu werden). Dem ist es auch möglich, hier auf Erden ein wirklich freies Leben zu führen.

Paulus, ebenfalls ein Heiliger, hat in seinen biblischen Briefen davon geschrieben: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!" ruft er seiner Gemeinde in Galatien zu. „Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auferlegen." (Galaterbrief 5,1) Für Paulus war klar: Enge und Angst, auch die von allzu kleinlichen Gesetzen und Vorgesetzten, die war mit Christus vorbei. Mit Christus kam der Geist der Freiheit. Freiheit ist seit Christus das einzige, was zählt. Diese Freiheit eines Christenmenschen war es auch, die Martin Luther so sehr faszinierte. Mit der er sich vor die Fürsten stellen und sagen konnte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" So gesehen, sind Reformationstag und Allerheiligen gar nicht so weit voneinander entfernt. Sie haben beide ganz stark etwas mit christlicher Freiheit zu tun.

Auch heute lässt sich diese Freiheit versuchen. Vielleicht bekommt man sie nicht ganz so konsequent und mutig hin wie die Heiligen. Sie hatten so viel freien Geist in sich, dass sie ihr ganzes Leben ändern oder riskieren konnten. Aber ich denke: Freiheit lässt sich auch im kleineren Maß ausprobieren. Ich treffe immer mal wieder Menschen, bei denen ich denke: Wow, wie frei die reden und handeln! Wie unabhängig von dem, was andere von ihnen erwarten. Wie furchtlos tun sie das, was sie für richtig halten. Die Lehrerin zum Beispiel, die sich einsetzt für einen schwierigen Schüler. Andere sagen: Das ist völlig sinnlos und bringt nur Ärger. Aber sie nimmt sich die Freiheit zu tun, was sie für richtig hält, und sie lässt nicht davon ab. Oder der Mann am Kneipentisch, der plötzlich sagt: Nein, ich halte das nicht für richtig! Alle schauen ihn verblüfft an - und er lächelt und bleibt bei seiner Meinung. Ganz frank und frei. Freiheit wird da gelebt, wo Menschen sich trauen, zu sich selber zu stehen. Stimmig mit sich zu sein. Wo sie sich nicht verbiegen oder vergessen. Sondern das tun, was ihnen ihr Gewissen sagt. Oder: ihre innerste Sehnsucht. Das hat nichts zu tun mit billiger Selbstverwirklichung oder mit Anarchie. Sondern mit der Freiheit, die Gott mir schenkt. Es ist die Freiheit, das zu sein, was Gott in mich hinein gelegt hat. Die Heiligen haben diese Freiheit besonders vorbildlich gelebt. Aber für jede und jeden heute gilt das auch: Du bist zur Freiheit befreit!