Zum Jahresbeginn
Thomas Weißer im Gespräch mit der Telefonseelsorgerin Martina Patenge
Donnerstag, 01.01.2009
Teil 1. Am Anfang eines neuen Jahres
Das neue Jahr, noch liegt es vor mir, wie ein unbeschriebenes Blatt, es hat etwas an sich von einem neugeborenen Kind: Noch ist alles möglich, noch ist alles drin. Und dieser Gedanke verleitet viele dazu, sich viel vorzunehmen, große Vorsätze zu fassen, das neue Jahr als Chance der Veränderung zu begreifen. Martina Patenge, Telefonseelsorgerin aus Mainz, ist da vorsichtig.
Ich hab das so gelernt diese Wünsche zu lassen, die mich dann eigentlich nur blockieren. Ich versuche wirklich ganz tief ganz offen zu sein und zu sagen: Gott, was du mir schickst, das will ich annehmen. Das klingt ganz edel. Das ist es nicht, das ist eine Aufgabe für jeden Tag. Aber ich versuch das wirklich so zu sein. Und keine Wünsche mehr zu haben.
Der erste Januar: Für manche nur der Jahresanfang, für viele Zeitpunkt für gute Vorsätze. Für andere aber auch Gelegenheit zur schonungslosen Bilanz. Martina Patenge kennt die Seelenlage vieler Menschen an diesen Tagen rund um Weihnachten und Neujahr nur zu gut. Sie ist Telefonseelsorgerin und sitzt in diesen Tagen auch am Telefon. Und ich gebe zu: Mit ihr würde ich mich auch am Telefon gerne unterhalten. Martina Patenge hat eine warme, herzliche Ausstrahlung. Ihr Augen lachen - und sie selber auch. Auch wenn es in ihrem Beruf oft nur wenig zu lachen gibt. Die Seelsorgerin bei der Telefonseelsorgerin Mainz-Wiesbaden kennt zu gut die Kehrseite der Weihnachtsseligkeit, kennt Einsamkeit und Weihnachtsfrust von unzähligen Telefonaten. Kennt die Enttäuschungen:
Es ist wieder nicht schön gewesen mit der Familie. Es hat wieder diesen Streit gegeben. Es war wieder furchtbar. Es war immer noch nicht das Problem auszuräumen, was wir in der Familie immer schon haben. Oder ich bin wieder allein gewesen.
Statt Hoffnung und Aufbruch zeigt sich für viele Menschen: Es wird nichts anders. Alle Hoffnungen sind enttäuscht. Und manche spüren ganz genau ihre Einsamkeit in den langen Weihnachtstagen. Was sagt sie da am Telefon?
Mir ist gestern Abend das Wort durch den Kopf gegangen: »Siehe, er wird alle Tränen abwischen«. Und ich hab in meinem Beruf viel mit Menschen zu tun, die in Tränen sind, die weinen, die in Krisen sind, denen es schlecht geht. Und für mich ist das ganz wichtig, dass ich in meinem Herzen drin dieses Wort ganz tief drin hab. »Siehe, er wird alle Tränen abwischen«. Aber vielleicht nicht gerade jetzt. Im Moment ist vielleicht noch Weinen dran. Und das gibt einen anderen Horizont, wenn ich diese Vision, diese Prophezeiung hab, aber sie wird nicht immer so im Alltag, im Augenblick direkt wirksam.
Und so wird mir klar: Am Telefon Menschen zu helfen, dass heißt, sie in ihrer ganz konkreten Situation ernst nehmen, ganz konkret auf sie zugehen. Und so sieht Patenge auch ihre Aufgabe.
Manchmal helfe ich Knoten zu entwirren. Wenn so in diesen Tagen viel durcheinander passiert ist. Oder wenn jemand sagt: Ich halt die Leere bald nicht mehr aus, dann überlegen wir gemeinsam, was könnte der nächste Schritte sein, das ist manchmal ganz konkret: Machen Sie sich eine Tasse Tee. Und dann überlegen: Gibt es Menschen, die sie anrufen könnten, gibt es Menschen in ihrer Umgebung, mit denen sie was tun könnten. Und wenn das gar nicht ist: Wie könnte es sein, dass dieser heutige Tag für sie eine Struktur bekommt, die ihnen etwas mehr Halt gibt.
Wenn sie erzählt, dann spüre ich, dass Patenge nicht nur über etwas redet. Sie redet auch immer von sich selbst, ihren Erfahrungen, ihren Fragen. Kein Wunder also, dass sie auch selbst die großen Vorsätze und Visionen skeptisch sieht, die an Silvester und in den Tagen danach wichtig sind:
Vielleicht ist meine eigene Lebensbewältigung davon ganz stark geprägt, wahrscheinlich, dass es so ganz kleinteilig eher geht als mit den ganz großen Schritten. Bei den Anonymen Alkoholikern gibt es in den Lehrsätzen, die sie füreinander haben diesen einen Satz, der heißt: Nur für heute will ich den Tag bestehen. Weil, wenn man mit einem Suchtproblem kämpft, dann kann man sich nicht vornehmen: Die nächsten zwanzig Jahre bleibe ich trocken. Sondern: Wenn ich heute trocken bleibe, ist gut. Und dann kann ich morgen für den morgigen Tag kämpfen. Und das ist, glaube ich, insgesamt für das Leben eine ganz, ganz gute Lehre.
Eine Lehre, die Martina Patenge ganz stark mit ihrem Glauben zusammenbringt. Ein Glaube, der nicht vor dem Leben davonläuft, sondern der es zu nehmen hilft.
Ich verbinde das ganz, ganz tief mit dem Wort „Macht's wie die Lilien auf dem Felde." Die wachsen einfach. Das heißt ja nicht, das ich nicht sorgen muss, ich muss einkaufen, ich muss gucken, dass mein Kühlschrank voll ist und ich muss auch sauber machen. Aber nicht so sehr dieses ständige Sorgen, wie es irgendwann werden kann. Sondern: was ist heute möglich und was kann heute geschehen - oder eben jetzt.
Teil 2. Warum Wünsche nicht alles sind
Martina Patenge hält nicht so viel von großen Vorsätzen und Wünschen für das neue Jahr. Sie sieht es kritisch, wenn sich Menschen am ersten Januar alles mögliche vornehmen. Obwohl sie den Neujahrstag selbst für wichtig hält.
Ich glaube, wir brauchen auch solche ganz natürliche Zäsuren die durch den Kalender jetzt gegeben sind. Aber letztlich kann der Neujahrstag auch woanders im Jahr liegen - für das eigenen Leben.
Jeder Tag kann ein Neujahrstag sein? Das will mir nicht so recht in den Kopf. Patenge erklärt das so:
Der Neujahrstag könnte vielleicht auch am 17. Mai stattfinden, wo jemand plötzlich entdeckt: Ich will in meinem Leben etwas verändern. Dann ist das für den Neujahrstag. Oder ich kenne eine Frau, die feiert zwei Mal Geburtstag im Jahr. Sie feiert nämlich den Tag, an dem sie den ersten trockenen, vom Alkohol freien Tag vor vielen, vielen Jahren hatte, den feiert sie als ihren zweiten Geburtstag. Das ist ihr Neujahrstag.
Ich stimme Patenge zu. Aber ich glaube auch, dass Menschen Vorstellungen und Visionen brauchen, die durch das Jahr tragen. Eine Perspektive, ein Ziel.
Ich glaube so beruflich oder so gibt es schon Ziele. ... Aber die habe ich an Silvester nicht im Blick und auch nicht am ersten Januar. .. Da bin ich mehr so privat und da schaue ich auf das Private. Und da hab ich wirklich nicht so diese Ziele und Pläne. Sondern ich lerne mehr und mehr den heutigen Tag zu leben. Diesen heutigen Tag zu ehren und ihn anzuschauen und nicht so sehr nach Übermorgen zu gucken.
Martina Patenge ist nicht leicht zu erreichen. Sie hat Arbeitsplätze in Mainz und Bingen, ist viel unterwegs. Aber wenn ich mit ihr rede, dann ist sie ganz da. Ich spüre, was es heißt: den Tag heute zu ehren. Verstehe, was sie meint, wenn sie die Vorsätze kritisch sieht, die nicht auf die Gegenwart zielen sondern auf die nächste Woche, den nächsten Monat, das nächste Jahr.
Ich glaube, das ist zum Scheitern verurteilt, wenn nicht jemand einen eisernen Willen hat, weil der Vorsatz viel zu groß ist und der heutige Tag nicht in den Blick kommt.
Die Theologin macht mich nachdenklich. Aber gerade der christliche Glaube kennt ja die großen Visionen und Hoffnungen. Die will auch Patenge nicht zu den Aktien legen. Aber diese Visionen stehen für sie in einem konkreten Zusammenhang mit dem Leben.
Mir ist gestern Abend das Wort durch den Kopf gegangen: »Siehe, er wird alle Tränen abwischen«. Und ich hab in meinem Beruf viel mit Menschen zu tun, die in Tränen sind, die weinen, die in Krisen sind, denen es schlecht geht. Und für mich ist das ganz wichtig, dass ich in meinem Herzen drin dieses Wort ganz tief drin hab. »Siehe, er wird alle Tränen abwischen«. Aber vielleicht nicht gerade jetzt. Im Moment ist vielleicht noch Weinen dran. Und das gibt einen anderen Horizont, wenn ich diese Vision, diese Prophezeiung hab, aber sie wird nicht immer so im Alltag, im Augenblick direkt wirksam.
Und wie sieht das für sie selbst aus? Geht es einfach nur darum, den Tag, den Alltag zu bestehen, oder gibt es nicht doch mehr? Martina Patenge erfährt in ihrer Arbeit aber auch aus ihrem Glauben heraus, was sie wirklich bewegt:
Ich will ich selber sein, nicht damit ich besser dastehe, sondern damit ich meine Aufgabe im Leben und mein Platz im Leben besser ausfüllen kann. Und zwar als Gegenüber von Menschen. Also es geht nicht um einen Egoismus. Dann brauche ich diese großen Ziele nicht, weil die ergeben sich aus dem, was jeden Tag passiert.
Ich selbst zu sein. Das halte ich allerdings für eine große Vision. Oft genug ist es ja mehr als schwer, sich anzunehmen, mit sich selbst zufrieden zu sein, sich zu mögen. Das geht auch Martina Patenge so.
Insoweit habe ich eine große Vision. Das stimmt. Die große Vision heißt wirklich: Ich möchte immer näher zu mir kommen, zu dem was Gott in mir angelegt hat. Und was in meinen Genen ist und was meine Eltern mir grundgelegt haben durch das, was sie mir vererbt haben. Da möchte ich immer mehr drankommen, das zu entwickeln und zwar nur für meinen Platz in der Welt.