Gedanken am 29. März 2011

Tief betrübt

„Ich bin tiefbetrübt Deinetwegen und nehme teil an Deinem Unglück und möchte dir zur Seite stehen." Das schreibt der spätere Papst Pius II. im 15. Jahrhundert an einen Freund, der seine Frau verloren hat. Worte, die auch von heute sein könnten. Worte, die Menschen hier in unserem Land sprechen können, Worte aber auch, die in alle Krisengebiete der Welt gehen können.

„Ich bin tiefbetrübt Deinetwegen." Bewegender lässt sich kaum formulieren, dass da jemand an meinem Leben Anteil nimmt. Kondolieren heißt das bis heute. Kommt aus dem Lateinischen und heißt: Mit Schmerz empfinden. Also selber Schmerzen haben, weil der andere, die Freundin, der Freund, die Familie, Verwandte, Schmerzen haben. Oft ist das eine private Sache. Ich spreche mit einem Menschen, schreibe einen kleinen Brief, schicke eine Karte. Dann aber gibt es auch ganz öffentlichen Mitschmerz. Immer wieder nach einschneidenden Ereignissen: Nach dem Überfall auf einen Mann durch brutale Schläger in der U-Bahn. Nach einem Amoklauf. Menschen bringen Kerzen, legen Bilder und Briefe an der Unglücksstelle ab. Diese Mittrauer bewegt mich. Egal ob öffentlich oder im vertrauten Gespräch. Viele scheuen sich ja, Menschen anzusprechen, die trauern. Aber wer trauert, weiß: Der Schmerz kann einen zutiefst verletzen. So tief, dass kein Ausweg möglich erscheint. Da tut es oft gut, auf diesen Schmerz angesprochen zu werden. Merken: Da ist jemand, der mit mir fühlt. Der vielleicht sogar auch Schmerzen hat, weil ich einen Schmerz habe.

„Ich bin tiefbetrübt Deinetwegen und nehme teil an Deinem Unglück und möchte dir zur Seite stehen." Das möchte ich heute allen sagen, die ein Unglück erlitten haben. Ich denke an sie und schließe sie in mein Gebet ein. Ein Gebet, das nur aus wenigen Worten besteht: Gott, steh allen Menschen zur Seite, die heute Abend mit einem Unglück leben müssen.

 

Dr. Thomas Weißer, Mainz, Katholische Kirche
SWR4 Abendgedanken am Dienstag, 29. März 2011